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Positionspapier: Politische Bildung muss überparteilich und unabhängig bleiben

gemeinsames Positionspapier der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) und des Bundesausschusses Politische Bildung (bap)

In der Geschichte der Bundesrepublik bestand immer Konsens darüber, dass politische Bildung – zumal in staatlicher Verantwortung – vom unmittelbaren Regierungshandeln unabhängig konzipiert und strukturell verankert sein muss. So fand die außerschulische politische Jugendbildung im Rahmen der Jugendhilfe statt. Die dafür zuständigen Landesjugendämter waren als zweigeteilte nachgeordnete Behörden mit einer starken Stellung der Jugendhilfeausschüsse unter Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Akteure konzipiert. Ebenso waren die für die politische Erwachsenenbildung zuständigen Zentralen für politische Bildung als nachgeordnete Behörden mit einem Kuratorium, welches die Überparteilichkeit absichern soll, dem unmittelbaren Zugriff der jeweiligen Regierung entzogen. In mehreren Ländern wurde im letzten Jahrzehnt diskutiert, die Landeszentralen aus diesem Grund den Landesparlamenten anzugliedern, erfolgt ist dies aber nur in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein.

Mit den diversen Sonderprogrammen des Bundes und der Länder zur Förderung von (politischer) Bildung in den letzten 20 Jahren hat die Tendenz zugenommen, dass die Parlamente oder die jeweilige Regierung politische Bildung mit konkreten Aufgaben insbesondere der Prävention, Wertevermittlung oder Vielfaltsgestaltung ausstatten und schon alleine aufgrund der Größe der Programme damit erheblichen Einfluss auf die Ausgestaltung der politischen Bildung nehmen.

Auch durch diese Entwicklungen mitgeprägt, steht politische Bildung zunehmend unter Druck. Auf der einen Seite wird sie immer wieder angerufen, sie solle neutral sein und Pädagog:innen sollten ihre persönlichen politischen Standpunkte und Einsichten verschweigen. Erfreulicherweise wird diese falsche Ansicht in einem immer breiteren Konsens zurückgewiesen (etwa KMK, Ministerien, bpb). Auf der anderen Seite wird politische Bildung jedoch immer offensiver in ihrer (sowieso schon immer prekären) Autonomie beschnitten, ihre „Regierungsferne“ steht ernstlich zur Debatte. Dies geschieht auf mehreren Ebenen: Erstens in Diskursen, in denen argumentiert wird‚gute‘ politische Bildung sei eine solche, die für Erhalt und die Stärkung einer ‚wehrhaften Demokratie‘ (quasi als positiver Verfassungsschutz 2.0) stehe. Zweitens durch direkte Förderpolitik, die nicht mehr als politische Bildung, sondern als Extremismusprävention gelabelt wird und damit näher in den Bereich der inneren Sicherheit denn in den Bereich der Bildung fällt. Und drittens durch konkrete Maßnahmen, in denen Ressourcen aus Landeszentralen für politische Bildung abgezogen werden um‚Stabsstellen im Kampf gegen den Extremismus‘ direkt in Ministerien einzurichten (wie etwa im Fall NRW 2023 geschehen).1

Es besteht die Gefahr, dass die aktuellen Entwicklungen als Beispiel dafür dienen können, wenn nach den Landtagswahlen im Herbst in den Bundesländern Thüringen, Sachsen und Brandenburg Mehrheiten entstehen, denen die Arbeit der Landeszentralen schon immer ein Dorn im Auge war. Daher sollte die Empfehlung von Hannah Beck u.a., veröffentlicht auf dem Verfassungsblog2, aufgegriffen werden und die Landeszentralen durch gesetzliche Regelungen in ihrer Existenz gesichert und in ihrer Unabhängigkeit gestärkt werden.

Die politische Bildungslandschaft in der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere die außerschulische politische Bildung, ist durch eine plurale Trägerlandschaft gekennzeichnet, die sich gerade dadurch (der Idee nach) auszeichnet, dass sie im Sinne des Subsidiaritätsprinzips und als Teil der Zivilgesellschaft agiert und durch eine gewisse Staatsferne bestimmt ist. Der Staat sollte hier Rahmenbedingen schaffen, jedoch nicht die Landschaft der Träger steuern oder als Teil einer ‚wehrhaften Demokratie‘ vereinnahmen. Gerade die Offenheit, Pluralität und Kontroversität zeichnet die Trägerlandschaft aus und macht diese so fruchtbar für politische Bildung, denn auch diese ist durch Offenheit, Pluralität und Kontroversität gekennzeichnet. Der direkte Zugriff der Regierungen gefährdet somit nicht nur die staatlich verantwortete politischen Bildung, sondern die Landschaft der politischen Bildung insgesamt.

Ansprechpartner für die DVPB:

Prof. Dr. Alexander Wohnig
Didaktik der Sozialwissenschaften
Universität Siegen
Fakultät I, Seminar für Sozialwissenschaften
Adolf-Reichwein-Str. 2
57068 Siegen
E-Mail: alexander.wohnig@dvpb.de

Gemeinsames Positionspapier mit dem Bundesausschuss Politische Bildung (bap) e.V.

  1. Siehe kritisch dazu die Stellungnahme des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der Deutschen Vereinigung für politische Bildung e.V. (https://dvpb-nw.de/extremismuspraevention-nicht-zu-lasten-der-landeszentrale-fuer-politische-bildung-lzpb/) ↩︎
  2. ck, Hannah; Jaschinski, Jannik; Kordt, Klemens; Müller-Elmau, Marie; Talg, Juliana (2024): Rechtsstaatliche Resilienz in Thüringen stärken. Handlungsempfehlungen aus der Szenarioanalyse des Thüringen-Projekts, VerfBlog, DOI: 10.17176/20240416-103633-0 ↩︎

Nicht Neutral!

Demokratie braucht Politische Bildung,
keine Neutralität!

unterstützt von

Das pädagogische Personal an Schulen, aber auch viele Schüler*innen sind verunsichert. An Demonstrationen für Demokratie und gegen autoritäres Denken teilnehmen und darüber zu sprechen, sich gegen jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu engagieren – verstößt das gegen ein allgemeines politisches Neutralitätsgebot?

Die Antwort ist klar: Die Schule ist kein politisch neutraler Ort! Sie ist den demokratischen Prinzipien und Werten, wie etwa dem Schutz der Würde des Menschen und dem Schutz vor Diskriminierung, verpflichtet.

Autoritäres, menschen- und demokratiefeindliches Denken und Handeln nehmen zu. Diese Entwicklung macht auch vor der Schule nicht halt. Vermehrt erfahren wir von Fällen, in denen Schulen menschenverachtenden und antidemokratischen Äußerungen und Aktivitäten ausgesetzt sind. Pädagogisches Personal, Schüler*innen und Eltern, die sich in den Schulen für einen demokratischen Diskurs, eine demokratische Schulkultur und ein wertschätzendes Miteinander einsetzen, fühlen sich häufig schlecht oder unzureichend unterstützt, teilweise werden sie gar mit Verweis auf ein vermeintliches Neutralitätsgebot oder mit Verweis auf das Mäßigungsgebot daran gehindert.

Diese Situation ist untragbar. Schule ist ein Ort demokratischer Auseinandersetzung – gerade in Zeiten, in denen Anfeindungen und Angriffe gegen Vertreter*innen und Institutionen der Demokratie zunehmen. Sie ist gefordert, Grund- und Menschenrechte sowie demokratische Auseinandersetzung erfahrbar zu machen.

Politische Bildung als Schul- und Unterrichtsprinzip sowie als Schulfach selbst ist notwendig für die Stärkung der Demokratie und die Sicherung sowie Erweiterung demokratischer Verfahren heute und in der Zukunft. Dabei gehört es zur Professionalität aller Lehrkräfte die Schule zum Ort einer Bildung in, für und durch Demokratie und Menschenrechte zu gestalten. Die Umsetzung zu fördern, ist Aufgabe aller Schulleitungen und der zuständigen Behörden und ein Zuwiderhandeln ist zu ahnden.
Der demokratische Bildungsauftrag, der in den meisten Bundesländern Verfassungsrang hat, fordert dazu auf sich für die Grundwerte unserer Gesellschaft einzusetzen. Ein allgemeines politisches Neutralitätsgebot lässt sich weder aus dem Bildungsauftrag der Landesverfassungen, noch den Schulgesetzen oder dem Beamtenrecht begründen.

Auch aus den Geboten zur parteipolitischen Neutralität oder zur politischen Mäßigung von Beamt*innen ist nicht abzuleiten, dass sich Lehrkräfte zu menschen- oder demokratiefeindlichen Äußerungen neutral verhalten müssen. Dies gilt auch für Aussagen von Politiker*innen!

Neutralität der Bürger*innen als Bildungsziel taugt für autoritäre und totalitäre Staaten, aber nicht für die Demokratie!
Auch die Rechtsprechung ist eindeutig: „Von einer Lehrkraft, die sich zur Erfüllung ihres pädagogischen Auftrags in gewissem Maße auch mit ihrer Persönlichkeit einbringen muss, wird eine vollständige politische Enthaltsamkeit im Unterricht nicht verlangt!“[1]

Wenn aber demokratische Prinzipien und Grundwerte wie der Minderheitenschutz in Frage gestellt werden oder gar demokratiegefährdende Verschwörungsnarrative verbreitet werden, muss diesen Äußerungen konsequent entgegengetreten werden.

Wir fordern daher von den Kultusminister*innen der Länder sowie den zuständigen Schulbehörden:

– die Schaffung professioneller Anlaufstellen, um Unterstützung für den eigenen Unterricht, für Demokratieprojekte, Kooperationen mit außerschulischen Partner*innen usw. zu erhalten.

– Räume und Unterstützung für Schulen, um sich als demokratische Schulen aufzustellen und politische Bildung in notwendigem Umfang anbieten und ausbauen zu können.

– uneingeschränkte Rückendeckung durch die Schulbehörden und Schulleitungen für alle, die sich in der Schule, im Unterricht, in Arbeitsgemeinschaften, bei Schulaufführungen und Projekten für die Demokratie und gegen jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit engagieren

– ein klares Eingreifen der Schulaufsichtsbehörden bei antidemokratischem und menschenverachtendem Verhalten.

Immer wieder werden uns Fälle bekannt von Lehrkräften, die sich öffentlichen rassistisch oder demokratiegefährdend äußern und dabei u.a. völkisch-nationalistische Verschwörungsnarrative verbreiten. Es ist eine kleine Minderheit, aber Schulleitungen und Behörden dürfen nicht wegschauen. Schüler*innen, insbesondere Kinder und Jugendliche mit Migrationsbiografien, können sich nicht sicher sein, ob sie im Unterricht von einer Lehrkraft fair behandelt wird, die derartige Parolen verbreiten. Sie brauchen sichere Anlaufstellen und Unterstützung durch Lehrkräfte, die Schulleitung und Schulbehörden.

Aber auch bei demokratiegefährdendem Verhalten von Schüler*innen darf nicht weggeschaut werden. Pädagogische Angebote müssen ausgebaut werden und Unterstützung auch von außerschulischen Partner*innen in Anspruch genommen werden.

Demokratie braucht Politische Bildung, keine Neutralität!

Haben Sie Fragen, Anregungen, Rückmeldungen? Vertreten Sie eine Organisation im Bildungsbereich und teilen Sie unsere Position? Folgende DVPB-Bundesvorstandsmitglieder geben Ihnen gerne Auskunft. Wir freuen uns von Ihnen zu lesen:

Dr. Gudrun Heinrich:
gudrun.heinrich@uni-rostock.de
Tel.: +49 381 / 498-4452

TT-Prof. Dr. Steve Kenner:
steve.kenner@ph-weingarten.de
Tel.: +49 751 / 501-8844

Zum Schluss: Auf unserer Homepage werden wir zeitnah auch ganz viel Material zu diesem Thema sammeln und wir werden hier Ansprechpersonen im Verband und bei den Behörden sammeln, an die Sie sich wenden können, wenn Sie Unterstützung benötigen.

[1] vgl. VG Berlin, 24.03.2023 – 3 L24.23; VG Freiburg, Urteil vom 13.05.2022 – DL 11 K 2735/21 mit Bezug auf VGH Baden-Württemberg, Beschluss vom 24.05.1984 – DH 18/83

DVPB-Positionspapier: Berufungen auf Professuren der Fachdidaktik Politik bzw. Sozialwissenschaften / politische Bildung

Professuren für „Politische Bildung“ oder „Politik-Didaktik“ haben den Sinn, die Lehramtsausbildung für die politische Bildung an den Schulen des jeweiligen Landes zu stärken. Nur die Schulen erreichen die gesamte junge Bevölkerung und geben die Chance, die demokratische Zukunft der jungen Generationen durch Unterricht zu fördern. Die Notwendigkeit politisch-demokratischer Bildung für unser Gemeinwesen ist in den letzten Jahren immer sichtbarer geworden.

Wissenschaftliche Fachdidaktik „Politik“ oder „Sozialwissenschaften“ erarbeitet und vermittelt Professionswissen für die Lehre im Fachunterricht und im Schulleben sowie in der außerschulischen politischen Bildung, sie bedeutet also die Verklammerung von Praxis und Theorie und umgekehrt. Ausgewiesene schulische oder außerschulische Praxis ist unerlässlich in Kombination mit der nachgewiesenen theoretischen Verarbeitung dieser Erfahrungen. Hinzu kommt die Erforschung von Prozessen und Wirkungen beim Lernen und Lehren sowie die Entwicklung von Konzeptionen für den Unterricht.

Ausbilder für eine Profession sollten auch in der universitären Phase der Ausbildung beide Qualifikationen mitbringen: sie sollten durch hervorragende Forschung und Publikationen sozialwissenschaftlich-fachlich ausgewiesen sein und sie sollten diese Profession praktisch selbst beherrschen, wie dies in den klassischen Professionen völlig selbstverständlich vorausgesetzt werden kann.

Die Praxis-Dimension wird im Regelfall durch zwei Staatsexamen und Lehrerfahrungen in der Schule nachgewiesen. Im Fall der politischen Bildung sind auch ausgedehnte und reflektierte Lehrerfahrungen in der außerschulischen politischen Bildung denkbar, sofern dabei die Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Lernorten wichtig war.

Die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung fordert die für schulische Bildung zuständigen Ministerien und die Universitäten und Pädagogischen Hochschulen auf, Professuren für die politische Bildung mit Blick auf die professionelle Ausbildung von Lehrenden auszu- schreiben und die o.g. Kriterien zu formulieren: Sozialwissenschaftliche fachliche Kompetenz im wissenschaftlichen Bereich und professionelle Kompetenz für die Lehre in der schulischen und/oder außerschulischen Lehre der politischen Bildung.

Der Bundesvorstand der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB)
am 16.07.2020

DVPB-Positionspapier: Politische Bildung für die Demokratie!

Die DVPB hat unter dem Titel  Politische Bildung für die Demokratie! eine eine erneute Positionsbestimmung vorgenommen und darin das Verhältnis von Politischer Bildung, Demokratiepädagogik und Präventionspädagogik aus Sicht der DVPB behandelt.

Positionspapier der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung zum Verhältnis von Politischer Bildung, Demokratiepädagogik und Präventionspädagogik

In den vergangenen Jahren kam es in der politischen Bildung zu einer Unübersichtlichkeit der im Feld verwendeten Begriffe. Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die Durchführung des BLKProgramms „Demokratie lernen und leben“ (2002 – 2007), mit dem der Begriff Demokratiepädagogik gesetzt wurde. Im Folgenden etablierten sich im Diskurs weitere Begriffe wie Demokratieerziehung, Demokratiebildung, Demokratieförderung, Demokratiedidaktik usw.

Gleichzeitig und mit dieser Entwicklung zusammenhängend änderten sich die bildungspolitischen Rahmenbedingungen. Statt einer soliden Entwicklung und Förderung dauerhafter und verlässlicher Strukturen politischer Bildung verschoben sich die Förderschwerpunkte hin zu projektbasierten, kurzfristigen, vor allem auf soziales Lernen zielende demokratiepädagogische Bildungsangebote.

Als dritte Entwicklung lässt sich, insbesondere in jüngerer Zeit, eine weitere Verschiebung sowohl im Diskurs als auch in der bildungspolitischen Rahmung feststellen, die kontrovers unter der Formel „Versicherheitlichung der politischen Bildung“ diskutiert wird. Gemeint ist hiermit, dass politische Bildung einseitig aus einer Perspektive der Sicherheit einer angegriffenen Demokratie konzipiert wird. Durch eine Priorisierung präventiver Aufgaben können die partizipatorischen Aufgaben politischer Bildung vernachlässigt werden.
Diese bildungspolitischen Entwicklungen machen es aus Sicht der DVPB notwendig, eine Positionsbestimmung vorzunehmen.

Wofür wir stehen: Unser Verständnis politischer Bildung

Mündigkeit

Politischer Bildung liegt die Annahme zur Mündigkeit befähigter Menschen zu Grunde.

Politischer Bildung liegt ein Menschenbild zugrunde, das die Potenziale der Lernenden und nicht nur Defizite fokussiert. Politische Bildung wird als ein lebenslanger Lern- und Entwicklungsprozess angesehen, der sich in unterschiedlichen Bildungsbereichen und -sektoren vollzieht — formale, nonformale politische Bildungsinstitutionen usw. — und den es zu begleiten und zu fördern gilt.

Politische Bildung zielt auf die Stärkung und Weiterentwicklung von politischer Demokratie und einer demokratischen Gesellschaft mündiger und politisch handlungsfähiger Bürgerinnen. Demokratie wird als unabgeschlossener Prozess der Demokratisierung des Gemeinwesens verstanden, der von Bürgerinnen für Bürgerinnen immer wieder aufs Neue zu erringen und durchzusetzen ist. Die Individuen sind in der Demokratie autonome, gleichberechtigte und gleichwertige Menschen, die zugleich voneinander abhängen – so wie die Demokratie auf sie angewiesen ist. Mündigkeit in der Demokratie ist die selbst verantwortete, individuelle und kollektive Teilhabe mit der eigenen Stimme am Gemeinwesen. Deshalb anerkennt aufgeklärtes Eigeninteresse die Interessen anderer und berücksichtigt auch die von Institutionen und Systemen (Perspektivenwechsel und -ausweitung).

Die demokratische Gesellschaft bringt die Individualisierung von Lebensentwürfen und den Pluralismus der Positionen hervor, das Grundgesetz garantiert den Rahmen dafür. Diese Positionen stehen 1häufig im Streit um politische Entscheidungen, die das Zusammenleben, die Funktionsweisen von Institutionen, die Repräsentation von Interessen sowie die Verteilung von Lebenschancen und Ressourcen regeln. Streitkultur und anerkannte Verfahren verbürgen das friedliche Austragen der Gegensätze und Differenzen. Akzeptanz und Kritik, Bewahrung und Reform sind notwendige Gegenpole des demokratischen Lebens, die Dialektik von Dissens und Konsens, Konflikt und Kompromiss bestimmt das demokratische System.

Auch politische Bildung gibt es nur im Plural mit unterschiedlichen Akzentuierungen von Sicherheit und Freiheit, Prävention und Partizipation, Staat und Gesellschaft. Aus den zunächst als gegensätzlich wahrgenommenen Unterschieden können sich auch Annäherungsprozesse entwickeln.

Kompetenzen der Bürgerinnen in der Demokratie

In einer langen Tradition spricht die Didaktik der politischen Bildung von der Trias der Kompetenzen „Sehen – Beurteilen – Handeln“, mit denen wir – der Idee nach als mündige Personen —teilnehmen können.

Die Fähigkeit zur Analyse — das Sehen — enthält im Alltag sehr unterschiedliche Facetten. Häufig starten wir mit spontanen Wahrnehmungen, mit Emotionen, wir haben Meinungen und wir reagieren mehr oder weniger diffus. Auch im Alltag bemühen wir uns um fachliche und fachwissenschaftliche Klärungen, damit wir mit anderen diskutieren können und die Wirklichkeit nicht verfehlen. Das betrifft den Nahraum unserer Lebenswelten, die organisierten und strukturierten Institutionen sowie die gesamtgesellschaftliche Einbettung in (Teil-)Systeme und in die Weltgesellschaft. Es macht einen Unterschied, ob wir unsere Beziehungen bereden oder die Regeln unseres Lebens befürworten / kritisieren oder die Strukturen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bestärken bzw. ändern wollen.

Die Fähigkeit zum Urteilen verklammert die Dimensionen des moralischen und des politischen Urteilens. Die durch Analyse erworbenen Einsichten gehen ein in Werte-Orientierungen (Moral, Ethik) und Entscheidungen (Politik) – oder werden durch sie provoziert, wenn der Streit um Werte und um Ergebnisse durch Klärungen der Argumente vorangebracht wird.

Die Teilhabe in der eigenen Lebenswelt (z. B. Gemeinschaft in der Schule) in ihrer politischen Verfasstheit (z. B. Schülervertretung), die durch demokratische Instanzen formuliert wurde (z. B. LänderParlamente), findet auf unterschiedlichen Ebenen statt, deren Differenz und deren Zusammenhang durch Reflexionen und durch unterschiedliche handelnde Zugänge im Lernen gesichert werden. Das Handeln meint also die Partizipation im sozialen Nahraum und im politischen Raum. Dementsprechend wird politische Handlungsfähigkeit nicht nur mittels sozialem, sondern vor allem durch politisches Lernen erlangt.

Subjektorientierung

Politische Bildung fördert die Person der Lernenden und ihre Weiterentwicklung. Sie werden nicht als Objekte von Belehrungsprozessen behandelt, sondern als sich bildende Subjekte anerkannt.

Für die Subjekte geht es hierbei um die Entwicklung ihrer politischen Grundorientierungen und Positionen, also – der Idee nach – um die Fähigkeit, sich im demokratisch-politischen Raum zu verorten, die eigenen Interessen und die anderer angemessen zu vertreten und als aktive Bürgerinnen an politischen Prozessen teilzunehmen. Diese Entwicklung gilt es zu fördern, damit das Individuum in seinem Leben als Person in Organisationen, Institutionen und komplexen Teilwelten zunehmend abstrakte und universalisierungsfähige Kompetenzen erwerben kann.

Die Förderung der politischen Bildung achtet die konkreten Subjekte, ihre Persönlichkeit, Freiheit und Möglichkeiten. Es geht um politische Bildung im Sinne auch von politischer Selbst-Bildung, also die aktive Aneignung von Welt im Spannungsfeld von individueller Autonomie und gesellschaftlicher Einbindung, nicht um politische Erziehung im Sinne von Prägung.

Fachunterricht und lebenslanges Lernen

Politische Bildung als Fachunterricht in der Schule und als fachliche Angebote der außerschulischen politischen Jugend- und Erwachsenenbildung initiiert und unterstützt den langwierigen Prozess von Erkenntnis und Erfahrung im Rahmen politischer Bildungsbiographien.

Der aktiven Aneignung der Welt dienen im Politik-Unterricht sowie in außerschulischen Bildungsangeboten die fachdidaktischen Prinzipien (z. B. Subjekt-, Konflikt-, Problem-, Zukunftsorientierung) sowie dynamische Unterrichtsmethoden (z. B. Konfliktanalyse, Problemstudie, Planspiel). Sie bieten strukturierte Zugänge zu Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, integrieren also das sozialwissenschaftliche Lernen. Den Subjekten bieten sie Wege der Mitwirkung am Prozess der gemeinsamen Bildung und fordern ihnen diese ab. Die gegenseitige Achtung und die Achtung anderer wird in den Interaktionen durch den Beutelsbacher Konsens geleitet (Verbot der Überwältigung, Gebot der Kontroverse, Orientierung an den Interessen der Lernenden).

Komplexe und abstrakte Prozesse und Systeme können selten in der Lebenswelt erfahren werden; sie müssen reflexiv in strukturierter Bildung eingeholt werden. Hieraus folgt die Notwendigkeit, soziales Lernen und bürgerschaftliches Engagement durch Unterricht (Schule) und/oder non-formale Bildung (in außerschulischen Bildungsstätten) zu begleiten.

Politische Bildung ist niemals „fertig“. Nicht nur die Welt(en) ändern sich und werden geändert, auch die Individuen entwickeln sich weiter und verlangen nach kooperativer Weiter-Bildung.

Was wir wollen: Politische Bildung für die Demokratie

Politische Bildung für die Demokratie fokussiert ein Verständnis von Demokratie, das sich nicht darin erschöpft, Demokratie als Lebensform zu fassen. Sie nimmt Demokratie immer auch als Machtund Herrschaftsverhältnis mit Stärken und Schwächen, Beharrungskräften und Brüchen, Konflikten und Krisen wahr.

Politische Bildung schätzt die Schule als einen wichtigen Faktor für die Entwicklung demokratischer Kompetenzen ein. Sie unterliegt aber nicht dem Kurzschluss der Annahme, schulische Lernerfahrungen seien ohne Weiteres auf Gesellschaft und Staat transferierbar. Die Relevanz von sozialem Lernen auch für politisches Lernen wird gesehen, aber neben der Betonung sozialer und personaler Beziehungen stehen immer auch die politischen und sozialen Verhältnisse und Strukturen im Blickfeld der Bildungsbemühungen. Hierfür ist die Stärkung des sozialwissenschaftlichen Fachunterrichts nötig — durch mehr zeitliche Ressourcen für den Unterricht und durch fachlich-professionelle Lehrkräfte.

Politische Bildung hatte immer schon ein Selbstverständnis, das Prävention als Auftrag miteinschließt. Sie erschöpft sich aber nicht darin, „Präventionspädagogik“ zu sein. Statt einseitig darauf zu fokussieren, welche Gefahren von Lernenden ausgehen können, die die Demokratie und die Menschenrechte ablehnen, richtet sie ihr Augenmerk besonders auf die Stärkung der partizipatorischen Potentiale und Möglichkeiten der Adressatinnen, auf ihre Entwicklung zur Mündigkeit.

Politische Bildung braucht verlässliche Strukturen und Rahmenbedingungen. Die bildungspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre folgen zunehmend dem Trend, die thematische Vielfalt der politischen Bildung zugunsten vorgeblich gesellschaftlich prioritär zu befördernder Zwecke einzuschränken und gleichzeitig vorhandene Strukturen zugunsten kurzfristiger Projekte auszuhöhlen.

Der auch mit entsprechenden Förderpraktiken versehene Fokus auf Demokratieförderung und Präventionsmaßnahmen schränkt die allgemeine politische Bildung, insbesondere die außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung, in ihrer freien Themenwahl ein. Die in einer Demokratie plurale und subsidiäre freie Themenwahl ist jedoch konstitutiv für das Verhältnis zwischen Staat und (Zivil-)Gesellschaft.

Begünstigt wird diese Entwicklung durch die zunehmende kompetitive Förderung lediglich projektbasierter Bildungsangebote. Diese Entwicklung ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Denn die vornehmlich wettbewerbsbasierte Vergabe von Fördergeldern kann dazu führen, dass zwar der kostengünstigste Anbieter zum Zuge kommt; dies bedeutet jedoch keineswegs, dass damit auch die für politische Bildung eigentlich anzulegenden Qualitätsstandards eingehalten werden. Diese können eher durch fachlich ausgebildetes und langfristig beschäftigtes Personal in etablierten Einrichtungen der politischen Bildung gewährleistet werden — die aber eben auch auf eine langfristige und solide Grundfinanzierung angewiesen sind. Die vornehmlich projektbasierte Finanzierung politischer Bildung führt somit auch zu einer zunehmenden Prekarisierung von Beschäftigung vor allem im Feld der außerschulischen politischen Jugend- und Erwachsenenbildung.

Hinzu kommt: Eine vornehmlich projektbasierte Förderung stärkt den instrumentellen Blick auf politische Bildung. Es entsteht ein Eindruck der “monetären Abrechenbarkeit und Ziel-Erreichung” politischer Bildungsbemühungen, der einem aufgeklärten Verständnis von politischer Bildung als lebenslangem Lernprozess zuwiderläuft.

Gute Politische Bildung braucht also die einer pluralen Demokratie und offenen Gesellschaft eingeschriebene Freiheit der Themenwahl sowie verlässliche Strukturen und bildungspolitische Rahmenbedingungen — sowohl in der schulischen als auch in der außerschulischen politischen Bildung.

Fazit:

Das Jahr 2020 ist vor allem durch die Ausbreitung und die damit verbundenen massiven Einschränkungen des privaten und des öffentlichen Lebens durch das neuartige Coronavirus geprägt. Diese Veränderungen und die mit ihnen einhergehenden gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, Konflikte und Entscheidungen machen erneut deutlich, wie wichtig politische Bildung in unserer Gegenwart ist. Durch die Krise besonders klar zu Tage tretende Themen wie die Macht der Exekutive in der Pandemie, Grundrechtsbeschränkungen zum Schutz anderer Grundrechte, die Rolle des Nationalstaats und der EU sowie internationaler Organisationen und Institutionen, das Verhältnis von Staat und Wirtschaft, die Verletzlichkeit der Demokratie in Extremsituationen, die veränderte Rolle der Medien sowie die Bedeutung digitaler Kommunikation sind weder im Rahmen einer demokratiepädagogisch verengten Perspektive politischer Bildung zu bearbeiten, noch im Rahmen einer politischen Bildung, die ihre Präventionsmaßnahmen einseitig unter eine Sicherheitsperspektive stellt.

Politische Bildung muss mehr sein, als soziales und politisches Lernen in einer demokratischen Schule und auch mehr als nur Prävention potentieller gesellschaftlicher Gefahren. Politische Bildung ist dazu da, Politik lernen im Umgang mit Staat, Wirtschaft und Recht zu ermöglichen und zu begleiten. Nur im Rahmen verlässlicher Strukturen und unter der Voraussetzung einer freien Themenwahl, die auf aktuelle Entwicklungen reagieren und die Interessen der Lernenden wahren kann, kann politische Bildung ihrer Aufgabe gerecht werden, die politische Mündigkeit und Handlungsfähigkeit von Bürger*innen in allen Lebensphasen zu fördern und so zur Bewahrung und Weiterentwicklung der Demokratie beizutragen.

DVPB mit Statement zur politischen Europabildung auf KMK Tagung vertreten

Perspektiven eines zukunftsfähigen Europaunterrichts zur Förderung der „Europakompetenz” und Demokratiebildung

Eine attraktive, gar begeisternde „Vision“ für die weitere Gestaltung eines demokratischen und sozialen Europas fällt nicht vom Himmel.
Soll sich trotz der aktuellen Turbulenzen die „Erfolgsgeschichte Europa“ fortsetzen, für die die Europäische Union 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, muss die Schule dazu beitragen, in der heranwachsenden Generation das Bewusstsein für die europäische Zusammengehörigkeit zu fördern sowie Verständnis und Respekt für die unterschiedlichen Perspektiven, Sprachen und Kulturen zu wecken und auszubauen.

Zu der Entwicklung einer solchen auch von der Kultusministerkonferenz aktull wieder geforderten Europabildung (vgl. Europabildung in der Schule. Empfehlung der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland – Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 08.06.1978 i. d.F . vom 15.10. 2020) ist es notwendig, Schülerinnen und Schülern in der Schule erfahrungs- und lebensweltlich orientiert die entsprechende Sach-, Urteils – und Handlungskompetenz zu vermitteln, um sie zu einem gelingenden Zusammenleben in der europäischen Völker- und Staatengemeinschaft zu befähigen und ein Verständnis für die politischen, sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungne zu entwicklen.

Wenn auch die Europabildung eine Querschnittsaufgabe aller Fächer in allen Schulformen und Jahrgangsstufen ist , so kommt den Fächern der Politischen Bildung dabei eine besondere Bedeutung zu:

Die Entwicklung von europaorientierten Kompetenzen zur Vorbereitung auf das Leben in einem komplexer werdenden und von globalen Herausforderungen geprägten Europa ist nur möglich, wenn den Schülerinnen und Schülern in den Fächern der Politischen Bildung das notwendige fachliche Orientierungs- und Deutungswissen vermittelt wird, damit sie sich ein eigenes begründetes politisches Urteil zu der Erfolgsgeschichte „Europa“ bilden können.

Dabei sollten das Leitbild der aktiven europäischen Bürgerschaft (active citizenship) und die ökologische Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle spielen.

Es gilt sie zu ermutigen, gestalterisch und kreativ mit der Zukunftsgestaltung Europas umzugehen und eigene begründete europäische Perspektiven von einem demokratischen Europa zu entwickeln.

Wesentliche didaktische Prinzipien zum Erwerb der Europakompetenz sollten sein:

• Die erfahrungsorientierte und problemorientierte Vermittlung der Sachkompetenz, denn „Trichterpädagogik“ im Sinne von EU-Institutionenkunde ist kontraproduktiv und nicht nachhaltig!

• Ein Lernen mit ‚Kopf, Verstand und Herz’, um sie zur gemeinsamen Gestaltung eines friedlichen, demokratischen,sozialen und ökologischen Europa zu „beflügeln“. Die Vielfalt Europas muss „erlebt“ und die Dialogfähigkeit durch entsprechende Unterrichtssettings gefördert werden.

• Der multiperspektivische Umgang mit Differenzen und Gemeinsamkeiten in der historischen Narrative, bei der politischen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Gegenwartsanalayse zur Förderung der politischen Urteilsfähigkeit und der interkulturellen Handlungskompetenz.

• Der Einsatz von vielfältigen kreativen Lernformen wie Planspiele, Kreativ-ästhetische Methoden, Zukunftswerkstätten, Szenariotechniken, Expertenbefragungen, Wettbewerbe, fächerübergreifende Projekte, virtuelle digitale Begegnungen

• Die vielfältige Einbeziehung von europarelevanten Lernorten durch Studienfahrten, reale Begegnungen durch Austauschprogramme

Unsere Wünsche

1. An die Kultusministerin der Bundesländer:

Die feste lehrplanmäßige Verankerung der Thematik Europa in den Stundentafeln aller Schulformen und Jahrgangsstufen in den Fächern der Politischen Bildung in allen Bundesländern.

Die Förderung einer aktiven europäischen Bürgerschaft ist auf Grund der aktuellen Bewährungsproben durch die Corona-Pandemie, die Migrations- und Asylpolitk und die wachsenden nationalistischen und undemokratischen Tendenzen lebenswichtig, um bestehende Barrieren in den Köpfen und Herzen der Kinder und Jugendlichen aufzuheben und kreative Wege für ein demokratisches Zusammenleben innerhalb Europas zu gestalten.

Nur so können die Kinder und Jugendlichen ein Bewusstsein für eine europäische Identität entwickeln und sich für das Friedens- und Hoffnungsprojekt “Europäische Union” “stark” machen.

2. An die EU bezüglich des EU- Etats:

Auch in den Zeiten von Corona sind mehr Gelder für Austauschprogramme wie ErasmusProgamme etc. bereit zustellen. Denn die politische Europabildung ist systemrelvant und darf nicht zu den Verlierern der Corona-Krise zählen! Der Brexit und die nationalistischen und antidemokratischen Tendenzen sind Warnzeichen!

Politische Europabildung ist der beste Schutzschirm in den aktuellen herausfordernden Zeiten, in denen ein “Europa der Soldarität” gefragt ist, das die selbst formulierten Werte und Menschenrechte aktiv verteidigt.

Nur so lässt sich das Friedens- und Hoffnungsprojekt Europa retten und stärken!

Christel Schrieverhoff, StD‘a.D.
Fachleiterin und Fachberaterin Sozialwissenschaften a.D.
Bundes-und Landesvorstandsmitglied der DVPB e.V.

Link zur KMK Empfehlung (externe  Website)

Link zur Tagung (externe Website)

DVPB: Solidarität mit französischen Lehrerinnen und Lehrern


Franck Collard, Président
Association des Professeurs d’Histoire et de
Géographie (APHG)
APHG – BP 6541 – 75065 Paris Cedex 02

Chères et chers collègues,

Les mots ne peuvent exprimer à quel point nous sommes choqués et attristés par l’acte barbare inqualifiable de Conflans-Sainte-Honorine et par la perte douloureuse de votre confrère Samuel Paty.

L‘ Association Allemande d’Éducation civique/ Deutsche Vereinigung für Politische Bildung s’incline devant sa mémoire et nous, professeurs et enseignants d’éducation civique allemands, transmettons nos pensées sincères à sa famille, ses proches, ses collègues et ses élèves.

Veuillez toujours compter sur la solidarité des collègues de la Deutsche Vereinigung für Politische Bildung.

Tonio Oeftering
(président de la Deutsche Vereinigung für Politische Bildung)

Stellungnahme des Bundesvorstands der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) zur geplanten Schließung des Haus am Maiberg in Heppenheim

Am 30. September hat das Bistum Mainz bekannt gegeben, dass in seiner Trägerschaft stehende Haus am Maiberg in Heppenheim zum 31. Dezember 2022 zu schließen.

Der Bundesvorstand der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) hält diese Entscheidung für einen bildungspolitischen, wissenschaftspolitischen und kirchenpolitischen Fehler.

Das Haus am Maiberg gehört seit Jahrzehnten zu den herausragenden Einrichtungen der außerschulischen politischen Bildungsarbeit in Deutschland. Gute politische Bildungsarbeit braucht verlässliche, gewachsene Strukturen in Form von eigenständigen Bildungshäusern, die mit einem langfristig engagierten und regelmäßig fortgebildetem Personal arbeiten können. Einrichtungen wie das Haus am Maiberg sind Bildungsorte im besten Sinne, sie ermöglichen Bildungsprozesse und Begegnungen, wie sie weder die Schule noch außerschulische projektbasierte kurzfristige Bildungsangebote bieten können. Die angedachte Auslagerung der Aufgaben des Haus am Maiberg in andere Bereiche des Bistums kann dies nicht kompensieren.

Was das Haus am Maiberg darüber hinaus in besonderer Weise auszeichnet, ist seine enge Anbindung an die wissenschaftliche Politische Bildung. Das Haus am Maiberg ist immer wieder Austragungsort für relevante wissenschaftliche Fachtagungen der Politischen Bildung, von denen wichtige Impulse für die Disziplin ausgehen. Hierzu gehören auch vielfältige Veröffentlichungen aus dem Haus selbst, die in der Politischen Bildung breit rezipiert werden. Darüber hinaus ist das Haus am Maiberg eine wichtige Schnittstelle, weil dort systematisch die wissenschaftliche Politische Bildung mit der Praxis der außerschulischen Politischen Bildung zusammengeführt wird. Der Wegfall dieses hierfür zentralen Ortes würde eine erhebliche Schwächung dieses so wichtigen Austauschs bedeuten.

Und schließlich: Wir erleben eine Zeit zunehmenden Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Verschwörungstheorien und die systematische Verächtlichmachung unserer Demokratie nehmen gerade in der Corona-Krise zu. Aus unserer Sicht ist eine starke Kirche in krisenhaften Zeiten wie den unseren in besonderer Weise dazu aufgerufen, den Menschen nicht nur Transzendenz, Glaube und Orientierung zu vermitteln; eine starke Kirche ist auch dazu aufgerufen für den Erhalt und die Verteidigung der freien Gesellschaft einzutreten. Denn eine freie Gesellschaft ist letztlich auch der Grund, auf dem eine starke Kirche überhaupt erst gedeihen kann.

Wir rufen deswegen die Verantwortlichen, insbesondere das Bistum Mainz und den ihm vorstehenden Bischof Peter Kohlgraf dazu auf, die Schließung des Hauses am Maiberg zu überdenken. Denn das Haus am Maiberg ist eine Einrichtung die beides leistet: Sowohl Bildungsprozesse im Sinne einer kirchlich geprägten Werteordnung als auch politische Bildungsprozesse, wie sie gegenwärtig angesichts der beschriebenen gesellschaftspolitischen Entwicklungen dringlicher denn je erscheinen.

Der Bundesvorstand der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB)
am 07.10.2020

Stellungnahme der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) zur Ausladung Dr. Philipp Ruchs vom Bundeskongress Politische Bildung 2019

Der Bundesvorstand der DVPB wurde am 11.02. darüber in Kenntnis gesetzt, dass Herr Dr. Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit auf Anweisung des Bundesinnenministeriums (BMI) vom Bundeskongress Politische Bildung ausgeladen wurde. Wir halten diese Vorgehensweise für unangemessen.

Der Bundesvorstand der DVPB hat als Teil des Organisationsteams gemeinsam mit dem bap und der Bundeszentrale für politische Bildung Herrn Dr. Ruch eingeladen. An dem zu seiner Ausladung führenden Entscheidungsprozess war der Bundesvorstand der DVPB hingegen zu keiner Zeit einbezogen. 

Der Bundesvorstand der DVPB hat am 13. und am 15.02. gegenüber der bpb und dem BMI schriftlich dargelegt, warum wir die Ausladung Herrn Dr. Ruchs für falsch halten. 

Aus Sicht der DVPB widerspricht die Ausladung dem Geist der Veranstaltung. Der Bundeskongress ist als ein Forum anzusehen, in dem alle im Spektrum einer demokratischen politischen Bildung zu verortenden Positionen zuzulassen sind. Dass Herr Ruch als kontroverse Persönlichkeit des öffentlichen Lebens zu sehen ist, war bereits bekannt als er eingeladen wurde.

Der DVPB Bundesvorstand

Gemeinsame Stellungnahme von GPJE, DVPB und DVPW-Sektion zur AfD-Meldeplattform „Neutrale Schulen”

Mit der Aktion „Neutrale Schulen“, in deren Rahmen zahlreiche Landesverbände der AfD Lernende und Eltern zur Meldung von Lehrkräften aufrufen, die sich kritisch mit der Partei auseinandersetzen, missbraucht die AfD für durchsichtige parteipolitische Interessen die Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses.

Gemeinsam mit der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) und der Sektion Politikwissenschaft und Politische Bildung der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW-Sektion) appelliert die DVPB an alle Lehrkräfte, sich nicht von der AfD einschüchtern zu lassen und auch weiterhin ihrer Verpflichtung nachzukommen, antipluralistischen, diskriminierenden oder geschichtsrevisionistischen Positionen entschlossen entgegenzutreten.

Zahlreiche Landesverbände der Alternative für Deutschland (AfD) wollen sich der Hamburger Fraktion mit ihrer Aktion „Neutrale Schulen“ anschließen. Nahezu bundesweit sollen Schüler*innen und Eltern künftig Lehrkräfte auf einer Website melden können, die das Neutralitätsgebot vermeintlich verletzen. Entsprechende Meldungen will die AfD von der Schulbehörde als „Neutralitätsverstöße“ überprüfen lassen, damit „ggf. disziplinarische oder arbeitsrechtliche Maßnahmen“ gegen Lehrkräfte ergriffen werden können.

Damit missbraucht die AfD die Grundsätze des 1976 vereinbarten und von allen politischen Bildner*innen geteilten Beutelsbacher Konsenses. Dessen Grundsätze fordern die sachliche Auseinandersetzung mit den in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit vertretenen Positionen. Weder das dort verankerte Kontroversitätsgebot noch das gleichrangig zu behandelnde Überwältigungsverbot begründen eine „Neutralität“ oder gar Toleranz gegenüber demokratieverachtenden Parolen oder menschenfeindlichen Äußerungen.

Im Gegenteil: Kontroverse Positionen können nur so lange als gleichberechtigte Stimmen im demokratischen Diskurs anerkannt werden, wie sie mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO) in Einklang stehen, auf deren ‚Grenzen’ sich auch die AfD beruft. Verletzen Positionen hingegen demokratische Grundwerte, so dürfen und sollen sie von Lehrkräften als antidemokratische Haltungen kritisiert werden. Lehrer*innen sind verpflichtet, Stimmen und Stimmungen im Unterricht nicht unwidersprochen zu lassen, die sich gegen zentrale Grundrechtsartikel wie Artikel 1 Absatz 1 („Die Würde des Menschen ist unantastbar.“) und Artikel 3 Absatz 1 („Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“) oder gegen zentrale Verfassungsprinzipien wie das Rechtsstaatsgebot oder die Gewaltenteilung (Art. 20 GG) richten.

Wer etwa den Einsatz von Schusswaffen gegen Geflüchtete an der Grenze erwägt (von Storch), das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet (Höcke), die in Deutschland lebenden Türk*innen als „Kameltreiber“ diffamiert (Poggenburg) oder die einstige Integrationsbeauftrage, Aydan Özoguz, „in Anatolien entsorgen will“ (Gauland), bewegt sich nicht mehr auf dem Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wer Alexander Gaulands Bemerkung, die zwölf Jahre Nazizeit seien nur ein „Vogelschiss“ in der 1.000-jährigen Geschichte Deutschlands, unwidersprochen lässt, bahnt völlig abwegigen Geschichtsdeutungen den Weg. Auch wenn AfD-Politiker und -Politikerinnen den Mord an sechs Millionen Juden und Jüdinnen sowie 50 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg relativieren, müssen Lehrkräfte dem im Unterricht widersprechen.

Die Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE), die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) und die Sektion Politikwissenschaft und Politische Bildung der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) verurteilen das Vorgehen der AfD als zutiefst undemokratisch. Wer – wie die Hamburgische AfD-Fraktion – zu Meldungen aufruft, die anonym erstattet werden können, hat kein aufrichtiges Interesse an Klärung, sondern will Lehrkräfte, die eine AfD-kritische Haltung artikulieren, einschüchtern und mundtot machen. Zugleich verbreitet die AfD-Fraktion Hamburg eine unhaltbare Fehlinterpretation des Grundkonsenses der politischen Bildung.

GPJE, DVPB und DVPW-Sektion fordern ihre Mitglieder und alle Lehrerinnen und Lehrer dazu auf, sich von der politischen Rhetorik der AfD nicht blenden und einschüchtern zu lassen. Solange Lehrkräfte andere Positionen im Unterricht zulassen, dürfen sie weiterhin ihre eigene Position artikulieren. So hat auch die Bremer Landesregierung – nachdem die AfD dort eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen einen Lehrer eingereicht hatte – festgestellt: „Lehrer dürfen Mitteilungen von Parteien kritisch zerpflücken, historisch Parallelen ziehen und sie in einen Kontext stellen.“ Als demokratische Lehrer*innen sind sie darüber hinaus dazu verpflichtet, gegen antipluralistische, diskriminierende und geschichtsrevisionistische Tendenzen einzutreten.

Um Schülerinnen und Schüler über solche der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zuwiderlaufende Haltungen aufzuklären, ihnen demokratische Werte zu vermitteln und ihre politische Urteilsfähigkeit, Widerstandskraft und Zivilcourage gerade im Umgang mit aktuellen antidemokratischen Tendenzen in der Gesellschaft zu stärken, brauchen wir mehr Unterrichtszeit für politische Bildung an Schulen sowie entsprechend qualifizierte Fachlehrkräfte. Erforderlich ist zudem eine nachhaltig verbesserte Ausstattung der Institutionen und Träger außerschulischer politischer Bildung in Deutschland. Darüber hinaus bedarf es gut ausgestatteter Professuren für politische Bildung, welche die Gelingensbedingungen demokratischer politischer Bildung erforschen, konzeptionell begründen und die Lehrkräfte auf ihre anspruchsvolle Aufgabe vorbereiten.

Prof. Dr. Monika Oberle
Sprecherin der GPJE

Prof. Dr. Dirk Lange
Bundesvorsitzender DVPB

Prof. Dr. Andrea Szukala
Sprecherin DVPW-Sektion Politikwissenschaft und Politische Bildung

DVPB-Positionspapier: Appell der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB): Demokratie-Auftrag von Schule erfüllen, Politische Bildung stärken!

Eine Demokratie bewährt sich durch die politische Verantwortung der Vielen. Als einziger Institution, die alle jungen Bürger und Bürgerinnen erreichen kann, ist es Aufgabe der öffentlichen Schule, Lernende auf ihre Rolle als verantwortungsvoller Souverän vorzubereiten. Zu diesem Bildungsauftrag öffentlicher Schulen bekennen sich die Bundesländer in ihren Schulgesetzen.
Damit die öffentliche Schule ihren Demokratie-Auftrag auch erfüllen kann, bedarf sie eines starken Unterrichtsfachs der Politischen Bildung. Dieser Aufgabe werden die Bundesländer und ihre Schulformen in sehr unterschiedlichem Ausmaß gerecht. Die DVPB fordert die Kultusministerien dazu auf, an allen öffentlichen Schulen eine hinreichende Politische Bildung sicherzustellen:

Politische Bildung ist gesellschaftliche Allgemeinbildung

Die Gewährleistung eines starken, integrativen Unterrichtsfaches der Politischen Bildung an öffentlichen Schulen erweist sich als ein elementares Interesse unserer Demokratie, denn Politische Bildung qualifiziert die Menschen zu einer aufgeklärten Teilhabe an der demokratischen Gesellschaft. Politische Bildung meint eine an demokratischer Praxis orientierte gesellschaftliche Allgemeinbildung:

– Politik in einer Demokratie bringt Entscheidungen hervor, die die gemeinsame Regelung gemeinsamer Angelegenheiten ergeben sollen. In diesen komplexen Prozess können viele Interessen- und Werte-Konflikte eingehen: Unterschiede in Lagen, Interessen, Lebensgeschichten und Werten ergeben nicht nur interessante Vielfalt, sondern häufig massive Konflikte um Ressourcen und Anerkennung. Nicht immer gibt es klare, sichere und dauerhafte Lösungen, aber häufig kontroverse, belastende und auch frustrierende Auseinandersetzungen.

– Die öffentlich verantwortete Schule führt Jugendliche mit verschiedener sozialer Herkunft zusammen. Ein integratives Unterrichtsfach der Politischen Bildung eröffnet jungen Menschen vielfältige Chancen, ausgehend von Schlüsselproblemen der demokratischen Gesellschaft mit- und gegeneinander um ihre Identitäten und Interessen zu ringen und dabei demokratischen Zusammenhalt zu erleben und zu erwerben.

Voraussetzungen und Merkmale Politischer Bildung an öffentlichen Schulen

Damit sich Politische Bildung im Sinne des Demokratie-Auftrags von Schule entfalten kann, müssen auf Ebene der schulischen Lehrpläne und der Ausbildung von Fachlehrkräften insbesondere folgende Merkmale Politischer Bildung nachvollzogen werden.

Politische Bildung erweist sich als Bildung über und durch gesellschaftliche Kontroversen und deren demokratiekonforme Kanalisierung. Konflikt und Konsens sind aufeinander verwiesen, weil nur über das Austragen von Konflikten die Chance auf gemeinsame Lösungen – und sei es auf Zeit – besteht. Dieses Austragen der Konflikte gilt es im Fachunterricht demokratiekonform zu kanalisieren: Streitkultur meint auf der Seite der Subjekte den zivilen Umgang mit Kontroversen und setzt auf der Seite der Institutionen ein funktionierendes Regel- und Sanktionssystem voraus (wozu das staatliche Gewaltmonopol gehört). Politische Bildung befähigt Lernende dazu, gesellschaftliche Konflikte auszuhalten und demokratiekonform auszutragen.

Konfliktfähigkeit ist die Kern-Kompetenz Politischer Bildung. Demokratischer Politikunterricht verlangt deshalb Kontroversität und diese Kontroversität verlangt eine eigene, nicht-alltägliche Professionalität der Lehrenden (Beutelsbacher Konsens). Konflikte zu akzeptieren, sie im Unterricht zu inszenieren und diese Interaktionen zu wagen ist viel schwieriger als das politische Lernen auf „Fakten“ oder auf ein harmonisches Miteinander zu reduzieren und damit von der gesellschaftlichen Realität zu entfremden.

Politische Bildung bezieht gesellschaftliche Kontroversen auf verbindende demokratische Werte. Demokratie ist ein wert-volles politisches System. Dabei stehen universale Werte, Werte in unterschiedlichen Institutionen und Werte in den privaten Leben häufig in Konflikt miteinander. Eine Vereinheitlichung ist nicht möglich und nicht sinnvoll. Die Werte-Konflikte müssen thematisiert und reflektiert werden, damit die gemeinsame Basis des Grundgesetzes und der Menschenrechte zum Bezugspunkt werden kann.

Politische Bildung ist eine anspruchsvolle Bildungsaufgabe, die gut ausgebildeter Fachlehrkräfte bedarf. Empirische Unterrichtsforschung zeigt, dass eine bildungswirksame Nutzung von gesellschaftlichen Konflikten gut ausgebildete Lehrkräfte erfordert. Neben einer breiten sozialwissenschaftlichen Bildung müssen Lehrende die fachdidaktischen Prinzipien der Politischen Bildung und die dazu passenden Methoden und Verfahren in kontinuierlicher Ausbildung erwerben. Fachfremd Unterrichtende bedürfen einer angemessenen Weiterbildung in der Didaktik der Politischen Bildung. Allen Lehrkräften müssen – auch wegen der schnell wechselnden politischen Inhalte und Problemlagen – attraktive Möglichkeiten der Fortbildung geboten werden.

Politische Bildung bedarf einer anwendungsorientierten fachdidaktischen Lehr- und Lernforschung. Die Lehrerbildung benötigt eine wissenschaftliche Fundierung durch professionelle Lehre und fachdidaktische Forschung in den Universitäten. Die Kooperation von Universitäten und Studienseminaren ist zu fördern, damit die Phasen der Lehrerbildung aufeinander bezogen werden können.

Politische Bildung verlangt die Integration verschiedener sozialwissenschaftlicher Zugänge. Der demokratische politische Prozess und die Inhalte der Politik gehören zusammen. Auf die Sozialwissenschaften bezogen, erweist sich Politische Bildung daher notwendigerweise als ein interdisziplinäres Unterrichtsfach. Angesichts ihres politischen Stellenwerts müssen insbesondere auch ökonomische Fragen und Probleme in ihrem politischen und gesellschaftlichen Charakter aufgegriffen werden. Andernfalls werden die Lernenden mit der schwierigsten Bildungsaufgabe, politische, soziale und ökonomische Zusammenhänge wahrnehmen und beurteilen zu können, allein gelassen.

Politische Bildung verbindet politisches Handeln und politisches Denken. Auch und gerade in der Politischen Bildung stehen Handeln und Denken in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. So brauchen Projekte der Partizipation im Schulleben und im außerschulischen Bereich (z.B. in der Kommune) die Reflexion im Fachunterricht, damit dem Handeln das bewusste Denken, Wissen und Beurteilen an die Seite tritt. Der Unterricht wiederum braucht das Handeln (z.B. durch Projekte wie der Juniorwahl, einer sozial und ökologisch verantwortlichen Schülerfirma oder einer durch Lernende initiierten Bürgeraktion), damit das Lernen geerdet wird, indem seine Inhalte konkret werden.

Politische Bildung verbindet soziales Lernen und politisches Lernen. Soziales und politisches Lernen müssen aufeinander bezogen werden. Soziales Lernen ist für den gemeinschaftlichen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wichtig, führt aber nicht automatisch zu politischem KonfliktLernen, sondern muss sich dahin entwickeln.

Politische Bildung ist Bildung, nicht Kunde. Politische Bildung fußt auf einem sinnhaften Umgang mit politisch relevanten Gegenständen, so dass – bei schnell wechselnden aktuellen Stoffen – Kompetenzen und nicht das Lernen vereinzelter Informationen gefördert werden. Entsprechend anwendbares Wissen wird in Auseinandersetzungen mit Konflikten, Problemen, Fällen, Dilemmata, Gründungen und anderen Anforderungssituationen erworben.

Politische Bildung ist gesellschaftliche Allgemeinbildung im Sinne des Beutelsbacher Konsens. Alle Vorgänge im politisch bildenden Unterricht setzen ihrem Anspruch nach das Gebot der Kontroverse und damit das Verbot der Indoktrination sowie die Achtung vor den Interessen des lernenden Subjekts in konkrete Interaktionen um.

Forderungen der DVPB

Um den in den Schulgesetzen der Bundesländer verankerten Demokratie-Auftrag von Schule zu erfüllen, fordert die DVPB von den Kultusministerien:

(1) Sicherzustellen, dass Politische Bildung ab der fünften Jahrgangsstufe an allen Schulformen im Umfang von mindestens zwei Wochenstunden unterrichtet wird.

(2) Auf Ebene der Lehrpläne zu gewährleisten, dass dabei politische, ökonomische, kulturelle und soziale Konflikte aufgegriffen, aufeinander bezogen und im Lichte demokratischer Werte diskutiert werden. Von der verbreiteten Praxis, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen in den Unterrichtsfächern der Politischen Bildung als im Wesentlichen getrennte Lernfelder zu behandeln, ist Abstand zu nehmen.

(3) Geeignete Maßnahmen zu ergreifen, den verbreiteten Missstand des fachfremd erteilten Politikunterrichts zu beenden. Politische Bildung bedarf fachlich und fachdidaktisch gut ausgebildeter Lehrkräfte.

Die DVPB unterstützt die Kultusministerien gerne mit ihrer Expertise dabei, die Politische Bildung zu stärken und auszubauen – sei es in der Unterrichtspraxis, der fachdidaktischen und fachwissenschaftlichen Lehrkräfteausbildung an Universitäten und Studienseminaren oder der Fortbildung von Lehrkräften.