6. bis 8. November 2025
Künstliche Intelligenz und Entgrenzung der sozialen Medien – Herausforderungen für Demokratie, Gesellschaft und politische Bildung. Gewinnbringende Einblicke in die vielen Facetten der künstlichen Intelligenz und deren Herausforderungen und Chancen für Demokratie, Gesellschaft und politische Bildung.
Die DVPB-Herbsttagung 2025 fand vom 6. bis 8. November im idyllisch gelegenen Butenschoen-Haus in Landau statt. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem DVPB-Landesverband Rheinland-Pfalz durchgeführt, der damit gleichzeitig die 25. Tage der Politischen Bildung in Rheinland-Pfalz feierte. In den insgesamt sechsundzwanzig angebotenen Vorträgen und Workshops wurde die sehr aktuelle und zukunftsrelevante Thematik sowohl aus der schulischen und außerschulischen politischen Bildung, der Bildungspraxis sowie aus den fachwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen beleuchtet. Dieser gelungene Mix trug sicher dazu bei, dass die verfügbaren 90 Plätze schon frühzeitig ausgebucht waren. Die folgenden drei gut gewählten Auftaktvorträge boten eine gute Klammer für die ganze Veranstaltung, da sie fundiert die Auswirkungen und Gefahren von Social Media für Politik, Gesellschaft und Kultur hinsichtlich Steuerung, Desinformation und Manipulation aufzeigten. Prof.in Dr.in Judith Möller (Leibniz-Institut für Medienforschung I Hans-Bredow-Institut) untersuchte in ihrem Eröffnungsvortrag die Frage „(Wie) wirkt Social Media auf Wahlentscheidungen und politische Regierungssysteme?“ Dabei wies sie auf die Möglichkeiten des „kollaborativen Filterns“ durch Algorithmen sowie die Optimierung des „Contents“ auf Social Media hin. Für die Short Video Services (YouTube Shorts, TikTok, Instagram Reels) sei das zentrale Ziel aktuell die Maximierung der Verweildauer auf der eigenen Plattform, während auf Facebook früher die Anzahl an Klicks zentral gewesen sei. Als zentrale Aufgabe beschrieb Möller den Schutz des Mediensystems, das die „Infrastruktur“ für die Gesellschaft und die Basis für die politische Urteilsfähigkeit in der Demokratie darstelle. Prof. Leo van Waveren (RPTU Kaiserslautern) nahm das Tagungsthema aus der Perspektive der Informatik in den Blick und stellte die grundlegende Frage: „Was ist und kann Künstliche Intelligenz?“ Während Künstliche Intelligenz im medialen Diskurs entweder als Weltuntergang oder als Allheilmittel beschrieben werde, sei die „Entmystifizierung“ von Künstlicher Intelligenz wichtig. Schließlich handele es sich, so führte er in Bezug auf die Definition des Europäischen Parlaments aus, bei Künstlicher Intelligenz um die „Fähigkeit einer Maschine, (…) menschliche Fähigkeiten zu imitieren“, ohne dass die KI diese Fähigkeiten selbst erlerne. Prof. Dr. Stephan Winter (RPTU Landau) blickte schließlich aus medienpsycholgischer Perspektive auf die Frage: „Wie wirken Social Media und KI aus psychologischer Sicht auf Individuen und Kollektive?“ Winter hinterfragte die öffentliche Diagnose von Social Media als „Radikalisierungsmaschine“. Mit Bezug auf die eigene Forschung zu kognitiven Verzerrungen gelangte er zum „vorläufigen Fazit“, dass Social Media je nach Zielgruppe spezifisch wirke und die vorschnelle Annahme allgemeiner Zusammenhänge nicht wissenschaftlich untermauert werden könne. Zugleich benannte er demokratisch problematische Auswirkungen wie die Verstärkung vorhandener Tendenzen und Polarisierungen. Es geht um den „Echtheitstest“ (L. van Waveren) bei der Benutzung von KI und dazu bedarf es der Fähigkeit des „Deep Learnings“ und des „Decodierens“ der durch die KI gelieferten Informationen durch Faktenanalysen, um die durch Social Media und KI bedingten psycholgischen Gefahren der kognitiven Verzerrungen und der Emotionalisierungen sowohl als Individuum als auch Kollektiv zu erkenne und zu reflektieren (S.Winter).
In der anschließenden Workshoprunde konnten die Teilnehmenden je nach ihren persönlichen Präferenzen zwischen den folgenden praxisorientierten Angeboten wählen und ihre Kompetenzen im Austausch diskursiv vertiefen: Vortrag: „ ,Okay, kann ich hier was anklicken?‘ – Medienethnographie digitalisierter Fortbildungsangebote“ Jana Ziel & Prof.in Dr.in Andrea Szukala (Uni Augsburg) Vortrag: Offener Code statt Black Box: Algorithmische Macht verstehen – Ein Design Research-Projekt zu TikTok, mit Python und unter KI-gestützter Entwicklung Dr. Christian Mühleis (PH Heidelberg) Vortrag: Künstliche Intelligenz: Revolution der internationalen Politik oder Risiko für globale Konflikte? Dr. Helge Batt (RPTU Landau) Vortrag: „Fachdidaktische Diskurse zu digitalen Medien ls Lerngegenständen in fachdidaktischen Zeitschriften der Fächer Deutsch und Sozialwissenschaften“ Prof. Dr. Alexander Wohnig & Jun.-Prof.in Dr.in Anna Hoffmann (Uni Siegen) Vortrag: „Welche Aufgaben hat politische Medienbildung im Kontext von LLMs? Gemeinwohl – Ökonomie – Instrumentalisierung“ Kai Löser (Wilhelm-Heinrich- Riehl-Kolleg Düsseldorf) Der erste intensive und sehr diskursive Tagungstag endete mit einem feierlichen und gemütlichen Beisammensein anlässlich des Silberjubiläums der Tage der Politischen Bildung, zu dem erfreulicherweise der rheinland-pfälzische Bildungsminister Herr Sven Teuber als Gast von Herrn Sauer begrüßt werden konnte. Teil des Abendprogramms war auch ein Kabarettbeitrag von Jens Neutag aus Berlin. In seinem Grußwort würdigte er die Arbeit insbesondere des Landesverbandes der DVPB zur Demokratiebildung und sagte seine weitere Unterstützung der schulischen und außerschulischen Politische Bildung zu.
Der zweite Tag startete mit dem Vortrag von Prof. Dr. Thorsten Thiel (Uni Erfurt) zum Thema „Digitalisierung – Eher problematisch oder eher unterstützend für die Demokratie?“ Prof. Thiel problematisierte zunächst die Fragestellung selbst, schließlich führe die Pro-Contra-Polarität leicht zu einem falschen Gleichgewicht und zur Suggestion einer individuell lösbaren Problemstellung. Stattdessen seien „konkrete Kontexte demokratischer Veränderung“ zu fokussieren, wobei das jeweilige Demokratieverständnis differenziert und expliziert werden müsse. Dabei differenzierte er zwischen realen Gefahren durch Desinformation oder personalisierte Assistenzsysteme, wie die Schwächung einer pluralistischen Informationslandschaft und überschätzten Gefahren wie „Filterblasen 2.0“ durch KI und Social Media, deren Existenz sozialwissenschaftlich islang nicht ausreichend belegt werden konnte. Abschließend nahm Prof. Thiel die Evolution des Politikfelds „Digitalpolitik“ in den Blick und die zunehmend stärker gewordene Bedeutung des Staates im Zuge „digitaler Souveränität“. Er stellte zum einen die vielfachen Nutzungsmöglichkeiten der digitalen Medien zur Informationsbeschaffung heraus und zum anderen die Gefahren hinsichtlich Fakes. Die folgenden beiden Workshoprunden thematisierten vom Tagungsthema ausgehende mediendidaktische fachwissenschaftliche, fachdidaktische und unterrichtspraktische Fragestellungen und boten dazu verschiedene von den Workshop-Leitungen erprobte gelungene Lösungsansätze für den Fortbildungsbereich der Politiklehrkräfte und der Unterrichtspraxis an. Besonders zum Nachdenken regte Dr.in Alina Gales (TU München) in ihrem Vortrag „Fördern KI und Social Media Diskriminierungsprozesse in unserer Gesellschaft?“ an, da sie hinsichtlich der digitalen ouveränität deutlich die auf die Probleme der Wahrheitsfindung durch Bias und kulturpezifische Ausrichtungen der trainierten KI durch Diskriminierungen/ potenzielle Desinformationen und Deepfakes verwies. Sie sprach vom Problem eines „neuen Kolonialismus“ im Kontext des Datenkapitalismus. Deshalb forderte sie Mitbestimmungsrechte und digitale Reglementierungen, um Machtstrukturen und Exklusionsmechanismen entgegenzuwirken, damit KI-gestützte Anwendungen und soziale Netzwerke nicht zu bestehenden oder neuen Ungleichheiten beitragen. Der zweite Tag endete mit einem Stadt-Spaziergang entlang der Orte der Landauer Demokratiegeschichte, angeboten von Thomas Handrich.
Am Samstag bereicherten weitere praxiserprobte Angebote zum kritischen Umgang mit Verschwörungstheorien, KI und Desinformation wie die Vorstellung des Makerspaces als innovatives Lernarrangement zur Stärkung digitaler Kompetenzen die Tagung für die Teilnehmenden. Ergebnisse/Learnings der Tagung Da Digitalpolitik immer Demokratiepolitik (Prof. Thiel) ist, bestand bei den Teilnehmenden große Einigkeit hinsichtlich der Notwendigkeiten von staatlichen und internationalen Regulierungsmechanismen zur Wahrung der Individual- und Kollektivrechte und zur Verhinderung von Manipulationen und Diskriminierungen. Aufgabe der Politischen Bildung in diesem Transformationsprozess ist es durch vielfältige Zugänge und Methoden einen kritisch-reflektierten Umgang mit Social Media und KI als Gegenstand und Methode zu ermöglichen, um so die Demokratiebildung zu fördern. Denn die Erhaltung der digitalen Souveränität erfordert kritisches Bewusstsein und Urteils- bzw. Handlungsfähigkeit. Dazu wurden in den verschiedenen praxisorientierten Workshops zahlreiche erprobte innovative Beispiele wie der Makerspaces für die schulische und außerschulische politische Bildung oder eines Serios Games wie „Mission Ganymed“ geliefert, sodass alle Teilnehmenden sehr zufrieden mit vielen neuen Ideen und Erkenntnissen im Gepäck den Heimweg antreten konnten.

Wir bedanken uns herzlich bei dem Landesverband Rheinland-Pfalz und insbesondere bei dem DVPB-Landesvorsitzenden Herrn StD Michael Sauer für die Organisation und Moderation der Tagung. Er sorgte dafür, dass alle Vortragende als Wertschätzung eine Flasche Pfälzer Wein zur Erinnerung an die Tagung in der Pfälzer Region zu Hause genießen konnte. Unser weiterer Dank gilt: Frau Dr. Anja Diesel und dem ganze Team vom Butenschoenhaus sowie dem Erziehungswissenschaftlichen Fort- und Weiterbildungsinstitut der evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz) (EFWI) für die Gastfreundschaft, die Organisation vor Ort und die kulinarische Versorgung, die allen in positiver Erinnerung bleiben wird. Der Bundeszentrale für die finanzielle Förderung und insbesondere Herrn Dr. Peter Zorn. Dem DVPB- Vorsitzenden Prof. Dr. Alexander Wohnig und den weiteren Mitgliedern des DVPB Vorbereitungs- und Durchführungsteam wie Prof.in Dr.in Andrea Szukala, Joshua Hausen und Dana Grebner.
Da sich die kooperative Ausrichtung der 2–3-tägigen DVPB-Herbsttagungen mit jeweils einem Landesverband wieder als sehr erfolgreich erwiesen hat, wird die nächste Herbsttagung zum Thema: Soziale Ungleichheit(en) in der Demokratie und der politischen Bildung 2026 in Kooperation mit dem Landesverband NRW vom 19. bis 21.November 2026 an der Universität Siegen – Seminarzentrum Campus Unteres Schloss stattfinden.
Tagungsbericht: Christel Schrieverhoff und Andreas Schlattmann, DVPB NW





