Zeitschrift POLIS 04/2011: Was die Gesellschaft zusammenhält

Was hält die Gesellschaft (noch) zusammen? Der einleitende Beitrag von Armin Scherb wirft einen Blick auf die Vieldimensionalität der Fragestellung, die sich naturgemäß einer umfassenden Bearbeitung in POLIS entzieht. Nicht berücksichtigt wird in diesem Heft die durch die expansive Entwicklung digitaler Netzwerke initiierten Veränderungen der Jugendkultur und deren ambivalenter Einfluss auf die politische Partizipation als Kit einer heterogenen Gesellschaft. Nicht berücksichtigt wird auch die politisch-ökonomische Dimension der Fragestellung, die in den aktuellen Finanzkrisen aufscheint. Beide Themen sollen in eigenen Heften bearbeitet werden.

Der Beitrag von Werner Friedrichs versucht soziologische Verengungen des Gesellschaftsbegriffs auf das zuerst von Ferdinand Tönnies thematisierte Verhältnis von Gesellschaft und Gemeinschaft und auf deren nationale Dimension zu verhindern. Vielmehr ist auch die internationale Dimension einzubeziehen. Dabei stellt Stefan Immerfall die Frage nach staatlicher Integration und der Bindungswirkung des europäischen Vereinigungsprozesses. Jenseits dieser eher empirisch orientierten Zugriffsweisen ist auch Antwort auf die Frage zu geben, wo trotz der Vielzahl und der Heterogenität zentrifugaler Tendenzen eine Kraft sichtbar wird, die die Differenzen nicht zum Auseinanderbrechen kommen lässt.

Einen Blick in Richtung Zusammenhalt erlaubt die normative Sichtweise auf die kommunitäre Dimension der Menschenrechte und der (nicht nur) von Heiner Bielefeldt eingeforderte Solidaritätsanspruch in den Menschenrechten. In der Didaktischen Werkstatt gibt Jutta Geier praktische Hinweise zur Nutzung des Integrationspotentials von Schulpartnerschaften im Rahmen der EU-Bildungsprogramme. In der Rubrik Diskussion/Position stellt Carl Deichmann seinen personenbezogenen Ansatz in der politischen Bildung vor.

  • Armin Scherb „Was hält die Gesellschaft (noch) zusammen?“
  • Werner Friedrichs „Randgänge in der Mitte der Gesellschaft“
  • Stefan Immerfall „Was hält die EU zusammen?“
  • Heiner Bielefeldt „Menschenrechte als Solidaritätsanspruch“
  • Jutta Geier „Wer ist schon „Europäer“?“
  • Carl Deichmann „Person und Politik: Der personenbezogene Ansatz in der politischen Bildung“

Zeitschrift POLIS 03/2011: Politische Bildung für bildungsbenachteiligte Jugendliche

Politische Bildung für bildungsbenachteiligte Jugendliche ist bisher kein prominentes Thema der politischen Bildung. Deshalb sollen im Themenschwerpunkt dieses Heftes neuere Überlegungen dazu vorgestellt werden. Albert Scherr geht der Frage nach, was denn für bildungsbenachteiligte Jugendliche eigentlich Politik ist und wo sie Berührungspunkte dazu sehen. Der Beitrag macht deutlich, dass Bildungsbenachteiligte keineswegs politisch desinteressiert sind. Es gehe darum, adäquat die Themen aufzugreifen, die von den Jugendlichen als relevant gesehen werden.

Marc Calmbach und Wiebke Kohl stellen Ergebnisse einer Studie vor, die sich auf die Politikwahrnehmung von „bildungsfernen“ Jugendlichen richtet. Auch sie betonen, dass politische Bildung hier ganz besonders an den Lebenswelten anschließen muss. Es komme darauf an, sich von einem zu engen Politikbegriff zu lösen und Linien zwischen den Lebenswelten der Jugendlichen und politischen Fragen zu ziehen. Stephanie Odenwald umreißt einen Bildungsansatz einer ostdeutschen Stadt, in dem der gesamte lokale Kontext mit in den Blick genommen wird.

Melanie Schuster skizziert ein Projekt der Bosch-Stiftung für bildungsbenachteiligte Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dialogmoderatoren sollen dabei behilflich sein, ein Bewusstsein für die eigene Lage zu schaffen und für Verbesserungen zu sorgen. Das von Friedrun Erben vorgestellte Projekt richtet sich an Jugendliche mit geringen Bildungschancen, zu großen Teilen Jugendliche aus Migrationskontexten. Es geht um die im Dialog bearbeitete Frage, wo Jugendliche selbst in der Gesellschaft stehen. Der letzte Beitrag des Heftes von Björn Heidecke richtet sich auf ein anderes Themenfeld und greift einmal mehr und hier praxisorientiert die Problemwelt der Finanzmärkte auf.

  • Albert Scherr „Pädagogische Grundsätze für die politische Bildung unter erschwerten Bedingungen“
  • Marc Calmbach/Wiebke Kohl „Politikwahrnehmung und Politikverständnis von „bildungsfernen“ Jugendlichen“
  • Stephanie Odenwald „Hoyerswerda und das Konzept des lebenspraktischen Lernens – ein Lehrstück für Demokratie“
  • Melanie Schuster „Politische Bildung mit Jugendlichen in der Einwanderungsgesellschaft“
  • Friedrun Erben „Plädoyer für eine ressourcenorientierte Bildungsarbeit“

Zeitschrift POLIS 02/2011: Diagnostizieren, Leistung bewerten

Der wenig pädagogisch anmutende Begriff „Diagnostik“ weist auf ein zentrales Handlungsfeld im Lehrerberuf und ist an sich nichts Neues, sind damit doch die Ermittlung der Lernvoraussetzungen, die Analyse der Lernprozesse und die Feststellung der Lernergebnisse gemeint, um letztlich das individuelle Lernen zu optimieren. Wenn der Begriff aber spätestens „seit PISA“ in aller Munde ist, dann deutet dies darauf hin, dass dem Diagnostizieren im alltäglichen Unterricht mittlerweile ein höherer Stellenwert beigemessen wird. In der Politikdidaktik sind die Diskurse über die Diagnostik noch eher die Ausnahme.

Andreas Füchter führt deshalb in einem grundlegenden Beitrag in die Diagnose, Bewertung und Förderung der politischen Urteilsfähigkeit ein und stellt ein Diagnoseinstrument für den Politikunterricht vor. Mirka Mosch erforscht innerhalb eines größeren Forschungsvorhabens Chancen und Risiken des Diagnostizierens konzeptueller Schülervorstellungen zu Politik und Gesellschaft. Sie präsentiert uns erste Ergebnisse. Frank Langner stellt uns mit dem Portfolio ein Instrument zur schüler – orientierten Leistungsmessung vor, das den Zielen der politischen Bildung in besonderer Weise gerecht wird.

Schließlich zeigt uns Guido Steffens, wie der Einstieg in eine aktuelle Unterrichtsthematik gelingen kann und wie dabei nicht nur die Lernvoraussetzungen der Lernenden ermittelt, sondern vielmehr ihre Interessen berücksichtigt werden können. In den letzten POLIS-Ausgaben haben wir immer wieder über aktuelle Entwicklungen in der Kontroverse um den Stellenwert der ökonomischen Bildung an allgemeinbildenden Schulen berichtet. Daran knüpfen wir in dieser Ausgabe an und dokumentieren die Zusammenfassungen zweier Studien sowie eine Stellungnahme des Vorsitzenden des DVBP-Landesverbandes Schleswig-Holstein.

  • Andreas Füchter „Diagnose, Bewertung und Förderung des Erwerbs gesellschaftswissenschaftlicher Urteilsfähigkeit“
  • Mirka Mosch „Verstehen statt bewerten“
  • Frank Langner „Das Portfolio als Instrument zur Leistungsmessung und -beurteilung im politischen Unterricht“
  • Guido Steffens „Der arabische Aufstand – Ein Einstieg in eine Unterrichtssequenz“

Zeitschrift POLIS 01/2011: Staatlichkeit im Wandel

Im Schatten der Verwerfungen an den internationalen Kapitalmärkten und den Auswirkungen auf die Realwirtschaft scheint die Mär von der Allmacht des Marktes entzaubert – und der Staat wieder en vogue. „Der Staat, der lange als lästig galt, als Störenfried, der die Wirtschaft einengt, ist plötzlich wieder zum Garanten für Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheit geworden“, kommentierte Ulrich Schäfer unlängst in der Süddeutschen Zeitung. Wird die „Rückkehr des Staates“ aber dazu führen, dass die Bürger/innen wieder Vertrauen in ihn fassen? Auf diese und ähnliche Fragen versucht die vorliegende Ausgabe der POLIS Antworten zu geben.

Stephan Leibfried, Leiter des Sonderforschungsbereichs „Staatlichkeit im Wandel“ an der Universität Bremen, gibt in einem ausführlichen Interview unter dem Titel „Der moderne Staat ist für den Bürger zugleich treuster Freund und furchtbarster Feind“ Auskunft über unser ambivalentes Staatsverständnis. Annika Meng und Matthias Keese skizzieren den Wandel der sozialen Sicherungssysteme, indem sie die Entwicklung des bundesdeutschen Rentensystems darlegen. Andreas Klee, Luisa Lemme und Andreas Lutter bereiten den Wandel des Staates im Rahmen der „Didaktischen Werkstatt“ als Herausforderung für die politische Bildung auf.

Die „Tafelbewegung“ nimmt Stefan Selke, Autor des Bestsellers „Fast ganz unten“, als eine Signatur der Gegenwartgesellschaft in den Blick. Schließlich werden für diese Ausgabe der POLIS eingeholte Statements prominenter Persönlichkeiten wie Ronald Pofalla und Heribert Prantl in einen übergeordneten Kontext gerückt. Wir hoffen, dass die Vielschichtigkeit der in diesem Heft versammelten Beiträge Ihnen als Leser/innen Anlass bietet, das Thema „Staat im Wandel“ sowohl in der politischen als auch in der ökonomischen Bildung aufzugreifen.

  • Interview mit Stephan Leibfried „Der moderne Staat ist für den Bürger zugleich treuster Freund und furchtbarster Feind“
  • Matthias Keese und Annika Meng „Entwicklung und Wirkzusammenhänge der Rentenversicherung in Deutschland“
  • Stefan Selke „Grenzen der Zivilgesellschaft“
  • Tim Engartner „Wie hat sich der Staat in den letzten 20 Jahren gewandelt?“
  • Andreas Klee, Luisa Lemme, Andreas Lutter „Wandel des Staates als Herausforderung für die Didaktik der Politischen Bildung“

Zeitschrift POLIS 04/2010: Armes Deutschland – Politische Bildung vor sozialen Herausforderungen

Insgesamt 15% der Menschen in der Bundesrepublik sind von Armut bedroht, gelten als „armutsgefährdet“ – und das in einem reichen Land. Dennoch fällt auf, dass in der politischen Bildung und der Politikdidaktik nur wenige Reaktionen zu erkennen sind. Ist „Armut“ (k)ein Thema für das Fach? Das vorliegende Polis-Heft will dem nach gehen. Es wird eröffnet mit einem grundsätzlichen Bericht zur Lage von dem Armutsforscher Christoph Butterwegge. Er belegt, wie das Problem verharmlost und relativiert wird. Armut ist in den reichen Industrieländern oft eine „relative“, aber nichts desto weniger bedrückend. Von „extremer Armut“ berichtet Bernd Overwien, indem er den Blick auf die Länder und Menschen im Süden der Erde richtet.

Dass Armut nicht nur ein materiell-ökonomisches Problem ist, sondern auch Konsequenzen für Bildung hat, dokumentiert der Beitrag von Helmut Bremer. Er zeigt, welche Milieus in der Bundesrepublik von „Bildungsarmut“ betroffen sind und welche Herausforderungen sich für politische Bildung stellen. In prekären sozialen Verhältnissen befinden sich aber auch viele hoch qualifizierte „Freiberufler“ in der Bildungsarbeit – trotz gefüllten Terminkalenders. Einen Einblick in ein solches, durchaus ambivalentes Leben bietet der Beitrag von Rainer Spallek. Dagmar Richter markiert in einem Interview die Grenzen und Möglichkeiten der Politikdidaktik, sich diesem Thema zu widmen. Armut lässt sich im Unterricht vermitteln. Das beweisen Tim Engartner, Sara Alfia Greco und Jana Krüger in ihrem Beitrag zur „Didaktischen Werkstatt“. Wir hoffen, dass die Leserinnen und Leser in diesem Heft Anregungen finden, um in ihrer politischen Bildung bzw. in ihrem Unterricht das Thema „Armut“ aufzugreifen bzw. zu vertiefen.

  • Christoph Butterwegge „Armut in einem reichen Land“
  • Bernd Overwien „Armut im globalen Süden“
  • Helmut Bremer „Bildungsarmut, Politikferne und soziale Milieus“
  • Rainer Spallek „Armut und Reichtum im Leben eines Freiberuflers“
  • Interview mit Dagmar Richter: „Nicht vorführen, sondern Handlungsperspektiven zeigen“
  • Tim Engartner/Sara Alfia Greco/Jana Krüger „Arm in Deutschland“

Zeitschrift POLIS 03/2010: Politische Bildung – interkulturell

Die gegenwärtige Migrationsgesellschaft steht vor Herausforderungen, denen sich auch die Politische Bildung stellen muss. Die Politische Bildung sollte sich fragen, ob sie hinreichend zur Kenntnis genommen hat, welche Konsequenzen der migrationsbedingte Wandel für die Entwicklung des Bürgerbewusstseins hat. Genügen die aktuellen Konzeptionen interkultureller politischer Bildung den Anforderungen einer mündigen Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger in der Migrationsgesellschaft?

Zum Auftakt plädiert Dirk Lange in seinem Beitrag über Migrationspolitische Bildung für eine stärkere Reflexion dieses Themas in der Politischen Bildung und die Entwicklung adäquaterer Bildungsmaßnahmen. Anschließend stellt Sven Rößler Neuere Ansätze der Migrationsforschung vor, wobei er historisch gewachsenen Vorstellungen über Migrations- und Integrationsprozesse aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse gegenüberstellt. Tammo Grabbert analysiert die Ergebnisse einer Studie über Migration im niedersächsischen Schulbuch. Er verweist auf die Notwendigkeit einer Ausrichtung an neuen migrationsdidaktischen Prinzipien. Im Rahmen einer Untersuchung diskutiert Andreas Lutter, inwiefern in den Schülervorstellungen didaktische Anknüpfungspunkte für die migrationspolitische Bildung ersichtlich werden. Meike Jens präsentiert in der Didaktischen Werkstatt ein internationales Projekt zur Lehrer/-innenfortbildung im Rahmen einer Diskriminierungskritischen politischen Bildung. Auf S. 32 erörtert Andreas Brunold die aktuelle Diskussion um die Fachbezeichnung der Politikdidaktik. Die Leser sind zur Diskussion gerne eingeladen; entsprechende Beiträge können in einem nächsten Heft veröffentlicht werden. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

  • Dirk Lange „Migrationspolitische Bildung“
  • Sven Rößler „Neuere Ansätze der Migrationsforschung“
  • Tammo Grabbert „Migration im niedersächsischen Schulbuch“
  • Andreas Lutter „Migration und Integration im Bürgerbewusstsein“
  • Meike Jens „Diskriminierungskritische politische Bildung“

Zeitschrift POLIS 02/2010: Parteiensystem im Umbruch

Das Parteiensystem hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert: Ein Zweieinhalb- ist einem Fünfparteiensystem gewichen, die Volksparteien existieren nur noch als „Ruinen“, das Kräfteverhältnis innerhalb des Parteienspektrums hat sich zugunsten der kleineren Parteien verschoben. Frank Decker analysiert diese Veränderungen in der Parteienlandschaft und fragt nach den Konsequenzen, die sich daraus für die Koalitions- und Regierungsbildung ergeben. Werden die politischen Parteien ihren verfassungsrechtlichen Aufgaben noch gerecht? Sind sie noch das le bendige Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft? Tragen sie noch zur politischen Bildung und Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger bei?

Hubert Kleinert ist diesbezüglich eher skeptisch und konstatiert in seinem Beitrag die Krise der Parteiendemokratie. Den Ausgang der richtungsweisenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hat Karl-Rudolf Korte für POLIS kommentiert und mit Erhard Eppler sprachen wir über den Zustand und die Zukunft der SPD als Volkspartei. In der Didaktischen Werkstatt wendet sich Marcus Grebe dem theoretischen Ansatz der Postdemokratie zu. Mit dieser Ausgabe verabschiedet sich die POLIS-Redaktion von Renate Kreile, Gerd Steffens und Wilhelm Wortmann und bedankt sich ganz herzlich für die langjährige engagierte und kollegiale Mitarbeit. Gleichzeitig begrüßen wir als neue Mitglieder in der Redaktion Bernd Overwien, Professor für Politische Bildung und ihre Didaktik an der Universität Kassel, und Tim Engartner, Akademischer Rat am Lehrstuhl für Wirtschaftsdidaktik an der Universität Duisburg-Essen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit. Den aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nicht entgangen sein, dass POLIS „umgezogen“ ist und seit der letzten Ausgabe im Wochenschau-Verlag erscheint. Auch über diese neue Zusammenarbeit freut sich die Redaktion sehr.

  • Frank Decker „Abschied vom Lagerdenken? Konsequenzen des neuen Fünfparteiensystems für die Koalitions- und Regierungsbildung“
  • Hubert Kleinert „Parteiendemokratie in der Krise“
  • Karl-Rudolf Korte „Die NRW-Wahl als politischer Einschnitt“
  • Interview mit Erhard Eppler „Ist die SPD wieder zurück?“
  • Marcus Grebe „Politikdidaktische Überlegungen zum postdemokratischen Dilemma“

DVPB-Positionspapier: Demokratie braucht die Landeszentralen für politische Bildung

Demokratie braucht Politische Bildung, politische Bildungsarbeit braucht starke Partner – braucht die Landeszentralen für politische Bildung

Deutsche Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) protestiert gegen drohende Schließung der Landeszentrale für politische Bildung Niedersachsen

Die DVPB hat sich auf der Sitzung ihres Erweiterten Bundesvorstandes am 29./30. Oktober 2004 in Frankfurt/Main ausführlich mit dem von der niedersächsischen Landesregierung im Juli gefassten Beschluss auseinandergesetzt, die Landeszentrale zum Jahresende zu schließen.

Damit wäre mit dem für Dezember erwarteten Beschluss des Landtags – im Jahr ihres 50. Geburtstages – das Ende für eine weitere zentrale Einrichtung der Politischen Bildung besiegelt.

Gegen diese „Kahlschlag-Politik“ haben die in Frankfurt versammelten Vertreter/innen des Bundesvorstandes und der Landesvorstände der DVPB aufs Schärfste protestiert und ihren massiven Widerstand angekündigt. Sie appellieren nachdrücklich an die niedersächsische Landesregierung, ihren Beschluss zurückzunehmen.

Die Abgeordneten des niedersächsischen Landtags werden aufgefordert, diesem Beschluss ihre Zustimmung zu verweigern.
Auch in Zeiten unvermeidbarer staatlicher Sparmaßnahmen kann es nicht hingenommen werden, dass mit dem fragwürdigen Hinweis auf eine „nunmehr gefestigte Demokratie“ in Deutschland, notwendige Fortbildungsmaßnahmen radikal zusammengestrichen und deren Trägerinstitute ersatzlos geschlossen werden. Dies fordert die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung, die bundesweit mehrere Tausend politische Bildner/innen in Schule, Hochschule, Jugend- und Erwachsenenbildung repräsentiert.

Der in zahlreichen Studien festgestellte zunehmende Vertrauensverlust in Institutionen unseres demokratischen politischen Systems, abnehmende Mitwirkungsbereitschaft und politisches Desinteresse (insbes. bei jungen Menschen) sowie die Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien wie zuletzt in Brandenburg und Sachsen und ihre drohende bundesweite Vernetzung sind nur einige von zahlreichen Beispielen und Alarmzeichen, die signalisieren, dass sich Demokratie keineswegs von selbst einstellt, sondern stets aufs Neue von unten wachsen und von oben gefördert werden muss. Gerade in diesem Kontext leisten die Landeszentralen für politische Bildung einen unverzichtbaren Beitrag zur Förderung und Festigung einer demokratisch – partizipativen Zivilgesellschaft.

Auch vor dem Hintergrund verstärkter Bemühungen anderer europäischer Staaten zur Demokratie-Erziehung – so wurde gerade jetzt vom Europarat das Jahr 2005 als The European Year of Citizenship Through Education „Learning and Living Demo-cracy“ ausgerufen – erscheint es nahezu anachronistisch, die Bemühungen um Politische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland drastisch zurückzufahren.

Die drohende Schließung der Landeszentrale für politische Bildung in Niedersachsen stellt die dramatische Zuspitzung einer für die Existenz der Politischen Bildung insgesamt bedrohlichen Entwicklung dar, die sich bereits seit einiger Zeit, z. B. mit der Schrumpfung der Landeszentralen im Saarland und in Schleswig-Holstein abgezeichnet hat. Schon fordern einflussreiche Institutionen auch in anderen Bundesländern entsprechende Einspar- und Schließungsmaßnahmen. Dabei wird offensichtlich nicht bedacht, dass den Landeszentralen im Prozess der Vermittlung von Politischer Bildung eine nicht nur in organisatorischer und finanzieller Hinsicht unverzichtbare Kernaufgabe zukommt, die nicht von anderen Trägerinstitutionen übernommen werden kann. Es ist viel eher damit zu rechnen, dass mit der Schließung einer Landeszentrale auch die Arbeit der mit ihr eng verbundenen „kleineren“ Trägereinrichtungen ernsthaft gefährdet wird.

Gemeinsam mit den Leitungen der übrigen Landeszentralen und gestärkt durch öffentliche Erklärungen, in denen unlängst etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel oder der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Prof. Dr. Jürgen Zöllner die Notwendigkeit einer umfassenden politischen Bildungsarbeit und den Erhalt „ihrer“ Landeszentrale bekräftigt haben, fordert der Erweiterte Bundesvorstand der DVPB

– eine Rücknahme des Schließungsbeschlusses der niedersächsischen Landesregierung

– ein Festhalten des Bundes und der Länder an ihrer Verpflichtung zur Politischen Bildung

– eine stärkere Vernetzung und Weiterentwicklung der Maßnahmen der politischen Bildungsarbeit unter Federführung der Bundeszentrale und der Landeszentralen für politische Bildung

Vorstehende Resolution basiert auf einem Beschluss des Erweiterten Bundesvorstandes der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB), mit überwältigender Mehrheit gefasst am 30. 10. 2004 in Frankfurt/Main