Lobbyisten umwerben Schulen und Lehrkräfte so intensiv wie nie zuvor mit kostenlosen Unterrichtsmaterialien. Anders als Schulbücher werden diese Materialien nicht unabhängig geprüft oder ministeriell zugelassen. Weil häufig nicht einmal die Urheberschaft entsprechender Lehr- und Lernmaterialien ersichtlich ist, dringen vermehrt einseitige Positionen in den Schulunterricht.
Deshalb hat die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) einen Transparenz-Kodex entwickelt. Der Kodex fordert die Kultusministerien auf, eine transparente Kennzeichnung von Unterrichtsmaterialien durchzusetzen. Zukünftig sollen alle in Schulen genutzte Materialien Angaben über Produzenten, Finanziers und unterstützende Organisationen enthalten.
DVPB Transparenz-Kodex für Unterrichtsmaterialien:
DVPB-Positionspapier zu Berufungen auf Professuren der Fachdidaktik
Politik bzw. Sozialwissenschaften / politische Bildung
Professuren für „Politische Bildung“ oder „Politik-Didaktik“ haben den Sinn, die Lehramtsausbildung für die politische Bildung an den Schulen des jeweiligen Landes zu stärken. Nur die Schulen erreichen die gesamte junge Bevölkerung und geben die Chance, die demokratische Zukunft der jungen Generationen durch Unterricht zu fördern. Die Notwendigkeit politisch-demokratischer Bildung für unser Gemeinwesen ist in den letzten Jahren immer sichtbarer geworden.
Wissenschaftliche Fachdidaktik „Politik“ oder „Sozialwissenschaften“ erarbeitet und vermittelt Professionswissen für die Lehre im Fachunterricht und im Schulleben sowie in der außerschulischen politischen Bildung, sie bedeutet also die Verklammerung von Praxis und Theorie und umgekehrt. Ausgewiesene schulische oder außerschulische Praxis ist unerlässlich in Kombination mit der nachgewiesenen theoretischen Verarbeitung dieser Erfahrungen. Hinzu kommt die Erforschung von Prozessen und Wirkungen beim Lernen und Lehren sowie die Entwicklung von Konzeptionen für den Unterricht.
Ausbilder für eine Profession sollten auch in der universitären Phase der Ausbildung beide Qualifikationen mitbringen: sie sollten durch hervorragende Forschung und Publikationen sozialwissenschaftlich-fachlich ausgewiesen sein und sie sollten diese Profession praktisch selbst beherrschen, wie dies in den klassischen Professionen völlig selbstverständlich vorausgesetzt werden kann.
Die Praxis-Dimension wird im Regelfall durch zwei Staatsexamen und Lehrerfahrungen in der Schule nachgewiesen. Im Fall der politischen Bildung sind auch ausgedehnte und reflektierte Lehrerfahrungen in der außerschulischen politischen Bildung denkbar, sofern dabei die Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Lernorten wichtig war.
Die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung fordert die für schulische Bildung zuständigen Ministerien und die Universitäten und Pädagogischen Hochschulen auf, Professuren für die politische Bildung mit Blick auf die professionelle Ausbildung von Lehrenden auszuschreiben und die o.g. Kriterien zu formulieren: Sozialwissenschaftliche fachliche Kompetenz im wissenschaftlichen Bereich und professionelle Kompetenz für die Lehre in der schulischen und/oder außerschulischen Lehre der politischen Bildung.
Der Bundesvorstand der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB)
am 16.07.2020
Pressemitteilung DVPB Transparenz-Kodex für Unterrichtsmaterialien:
Der „DVPB-Transparenz-Kodex für Unterrichtsmaterialien“ im Wortlaut
(Beschlussfassung des DVPB-Bundesvorstands vom 24. Februar 2014)
Präambel
Die Produktion und Verbreitung von meist kostenlos angebotenen Unterrichtsmaterialien durch Dritte wie Unternehmen, Stiftungen, Verbände, Vereine, soziale Bewegungen und Inte ressengruppen aller Art hat sich in den letzten Jahren massiv ausgeweitet.
Schulen, Lehrkräfte und Lernende sehen sich nicht nur mit einer schier unüberschaubaren Vielzahl von Angeboten konfrontiert. Viel mehr wächst auch der Druck, den hinter diesen Materialangeboten stehen den organisierten Interessen durch Themenwahl, Materialeinsatz oder Einladung Externer in die Schule und in den Unterricht nachzugeben.
Einerseits spricht grundsätzlich wenig dagegen, sich mit Lehr-Lern-Materialien, die Dritte den Schulen anbieten, im Unterricht kritisch auseinanderzusetzen. Um eine distanziert-reflektierte Grundhaltung und ein Gespür für die allgegenwärtigen Einfluss- und Manipulationsversuche entwickeln zu können, müssen die Lernenden Kompetenzen erwerben, diese am konkreten Gegenstand aufzudecken, dahinter stehende Strategien zu durchschauen und sich dagegen zu schützen. Dies gelingt nur durch den methodisch angeleiteten Umgang damit.
Anderseits sind die finanziellen und personellen Ressourcen, die Machtpotenziale und die Zugangschancen zu Politik und Massenmedien sehr ungleich verteilt. Dies zieht auch eine strukturelle Asymmetrie hinsichtlich der Einflussnahme gesellschaftlicher Gruppen und Lobbyorganisationen auf das Bildungssystem nach sich, die sich im Materialangebot manifestiert. Während die einen über keinerlei Mittel und Personal verfügen, stehen anderen Millionenbeträge und professionelle Lobbyisten zur Verfügung. Deshalb brauchen die Lernenden Informationen darüber, wer ein Angebot in Verkehr bringt und wer es finanziert, beispielsweise über einen Direktlink zu Finanzierungsdaten auf der Homepage der anbietenden Organisation.
Schließlich gehört es zum professionellen Selbstverständnis von Lehrerinnen und Lehrern, dass sie in ihrem Unterricht pluralistische Mindeststandards einhalten. Was in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik strittig oder was in den Wissenschaften kontrovers ist, präsentieren sie als strittig und kontrovers in ihrem Unterricht. Sie garantieren unabhängig davon, dass die Lernenden ihre eigenen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Interessen vortragen, verfolgen und weiterentwickeln können. Sie unterstützen sie beim Erwerb von Kompetenzen, die ihre individuelle kognitive, emotionale, evaluative und pragmatische Autonomie
Vor diesem Hintergrund sollen einige Regeln ein Mindestmaß an Transparenz über die Akteure hinter den für den Unterricht produzierten externen Materialien sichern. Lehr-Lern-Materialien, die diese Regeln nicht beachten, sollen in Schule und im Unterricht nicht verwendet werden. Alle Lehrkräfte sollen über den Transparenz-Kodex informiert werden.
Transparenz-Kodex für Unterrichtsmaterialien
- In Schule und Unterricht verwendete Materialien Dritter müssen im Impressum nicht nur die Herausgeber, sondern auch die Finanzierungsquellen sowie die Herstellung und Vertrieb unterstützenden Organisationen angeben.
- Sofern dies aus Platzgründen als nicht praktikabel er scheint, muss das Material einen direkten Link zu einer Webseite mit diesen Informationen enthalten.
- Wird eine Organisation wie z.B. ein Verein, eine Stiftung oder ein Institut als Förderer oder Finanzier angegeben, sind auch deren Geldgeber explizit, vollständig und leicht auffindbar zu nennen.
- Die Autorinnen und Autoren des Materials sind ebenso zu nennen wie ggf. ihre Zugehörigkeit zu einer Organisation.
Die DVPB fordert die Bildungsministerien der Länder auf, diesen Regeln entsprechende Vorgaben zu erlassen.